Arbeit mit Tätern ist Opferschutz

VON ALEXANDRA RINGENDAHL, 03.02.03, 07:05h

Die Männerberatungsstelle Dekathlon bietet als erste Organisation im Erftkreis ein soziales Training für schlagende Männer an.

Brühl - „Dass hier ein Mann auf der Matte stand, der gesagt hat »Ich bin gekommen, weil ich meine Frau geschlagen habe«, das ist noch nie vorgekommen.“ Das mit der freiwilligen Einsicht bei Männern, das sei eben leider Utopie, fügt Sozialpädagoge Rainer Breidenbach-Siegel hinzu. Die wenigen Männer, die den Weg in seine seit einem Jahr existierende Männerberatungsstelle „Dekathlon“ fänden, begründeten dies meist mit »Stress mit der Frau«. „Dass da Gewalt im Spiel ist, finde ich dann eher so nach und nach raus.“ So wie bei dem Klienten, der in der vierten oder fünften Sitzung nach hartnäckigem Fragen zugab, dass er seiner Frau die Pistole an die Brust gehalten hat.

400 Strafanzeigen

Seit fünf Jahren arbeiten der Sozialpädagoge mit therapeutischen Zusatzausbildungen und sein Kollege Michael Dum - beide zudem gerichtliche Betreuer für die Amtsgerichte im Erftkreis - in der Männerberatung, eigentlich mit den Schwerpunkten Trennungs-, Erziehungs- und Sexualberatung. Aber über das Thema häusliche Gewalt stolperten sie immer wieder. Rund 400 Strafanzeigen wurden deswegen allein 2002 im Erftkreis gestellt, in jedem zweiten Fall wurde der Täter von der Polizei für zehn Tage der Wohnung verwiesen. „Nur, der kommt ja wieder. Das Problem ist nicht gelöst. Und es kann nicht sein, dass die Frau als Opfer dafür zuständig ist.“

Für den seit einem Jahr selbstständigen Breidenbach und sein Team gehört daher die Täterarbeit zwingend zum Thema „Häusliche Gewalt“. „Arbeit mit Tätern ist Opferschutz und Gewaltprävention“, pflegt er zu sagen. Daher hat er ein Täterprogramm entwickelt, das sich an ein in Schleswig-Holstein auf Landesebene erfolgreich erprobtes Soziales Training zur Vermeidung von Gewalt gegen Frauen anlehnt. In einem zwölfwöchigen Intensivprogramm (sechs mal zwei Stunden) in der Gruppe lernen Männer in Rollenspielen und Übungen, die teilweise der themenzentrierten Interaktion (TZI) und dem Neurolinguistischen Programmieren (NLP) entlehnt sind, eine Art Selbstreflexion. „Wir zerlegen zum Beispiel die Kette der Gewalt in ganz kleine Glieder“, erläutert Breidenbach eine Übung. „Meist baut sich das langsam auf: Stress im Büro, drei Bier, noch mal drei Bier, dann sind Zuhause die Kinder nicht im Bett. Der Aggressionspegel steigt. Und wenn die Partnerin dann den Intimverkehr verweigert, eskaliert die Gewalt.“ Ziel des Trainings sei etwa die Ausstiegsmöglichkeiten zu studieren. „Und zwar etwa die nach dem dritten Bier. Ab einem gewissen Aggressionspunkt ist nämlich hirnphysiologisch keine Umkehr mehr möglich.“ Parallel dazu werden - etwa mit Übungen zur Muskelentspannung - alternative Arten des Aggressionsabbaus geübt. Aber auch das hinter der Gewalt stehende Männerbild wird reflektiert. Erfahrungen zeigen nach Angaben von Breidenbach, dass 40 Prozent der schlagenden Männer nach dem Training der Ausstieg aus der Gewaltspirale gelingt.

Das Hauptproblem ist nur, Männer auch tatsächlich zur Teilnahme an solchen Trainings zu bringen. „Wer da auf Freiwilligkeit setzt, wartet bis zum Jüngsten Tag“, sagt Breidenbach. Die Bereitschaft der Männer, daran zu arbeiten, sei eben einfach nicht vorhanden, hat er in den Jahren festgestellt. „Wenn man die Männer nicht zwingt, wird das Problem weiter auf dem Rücken der Frauen ausgetragen.“ Daher plädiert er für Strafandrohung und Druck. Der müsse entweder von der Frau ausgehen, die konsequent sagt, „wenn du nicht was tust, gehe ich“. Oder durch die Mitarbeit der Gerichte. So könne etwa im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs die Pflichtberatung zur Auflage gemacht werden. Auch die Polizei im Erftkreis soll in das Netzwerk einbezogen werden. Anfang Februar trifft sich das Team von Dekathlon mit dem Opferbeauftragten der Polizei im Erftkreis, Norbert Wolf. Der begrüßt das Engagement der Beratungsstelle als weiteren wichtigen Baustein im Netzwerk gegen häusliche Gewalt. Gemeinsam müsse man nun ausloten, ob es für die Polizei Möglichkeiten gibt, männliche Täter wirkungsvoll an die Beratungsstelle zu vermitteln.

 www.dekathlon.de



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