Aus Frust und Angst zugeschlagen

VON BETTINA JOCHHEIM, 01.01.08, 20:16h

Brühl - „Gewalt ist ein Verhalten. Es ist keine genetische Veranlagung und kann daher verändert werden.“ Das ist das Leitmotiv des Diplom-Sozialpädagogen Rainer Breidenbach-Siegel. 2002 gründete er seine Männerberatungspraxis Dekathlon in Brühl und versucht seitdem, gewaltbereiten Männern aufzuzeigen, dass es andere Wege gibt, Konflikte auszutragen.

„Dass die Männer freiwillig kommen, weil sie merken, dass etwas schief läuft und aktiv dagegen ansteuern möchten, das kommt quasi nicht vor“, sagt Breidenbach-Siegel. Oft aber sind es die Frauen, die ihren Männern klar signalisieren, dass sie - nach einer Gewalttat - erst dann wieder in die gemeinsamen vier Wände einziehen dürfen, wenn sie sich einem sozialen Trainingsprogramm unterziehen.

Allein bis zum 30. September dieses Jahres musste die Brühler Polizei 41-mal im Stadtgebiet ausrücken, um Frauen vor ihren gewalttätigen Männern zu schützen. Seit das Gewaltschutzgesetz im Jahre 2001 in Kraft getreten ist, hat die Polizei die Möglichkeit, ein Hausverbot auszusprechen und Männer für eine befristete Zeit aus deren Wohnung zu verbannen.

Allerdings stammten die Männer, die Breidenbach-Siegels Beratung aufsuchten, zu 99 Prozent nicht aus Brühl. „Sie kommen aus der Eifel, dem Rhein-Sieg-Kreis, Bonn, Köln, Düsseldorf.“ Männer aus dem Rhein-Erft-Kreis suchten vermutlich Beratungsstellen außerhalb des Kreises auf, vermutet der Sozial-Pädagoge.

Frauen schützen

Ursprünglich beriet der Pädagoge Männer im Auftrag eines Wohlfahrtverbandes in Köln. In diesen Gesprächssituationen sei ihm klar geworden, welch enormes Gewaltpotenzial in vielen Männern stecke. Um Frauen und Kinder vor dieser Gewalt zu schützen, kam ihm die Idee, selbstständig eine Männerberatungsstelle aufzumachen und eine Anlaufstelle bei Gewaltproblemen anzubieten. „Opferschutz durch Täterarbeit“ war seine Idee.

Nach seinen Erfahrungen ist die Gewaltbereitschaft in allen sozialen Schichten zu finden: „Angefangen beim Hilfsarbeiter bis zum Mediziner. Die Frage ist, mit welchen Verhaltensmustern die Männer groß geworden sind.“ In einem sozialen Trainingsprogramm lernen sie in Einzelgesprächen, in Gruppen und in Rollenspielen sowie Übungen, den Denkprozess, der einer Gewalttat vorausgeht, umzulenken und mit anderen Inhalten zu füllen. Sie lernen aber auch, sich einmal in die Rolle des Opfern zu versetzen und die Erniedrigungen zu spüren.

Konkret nennt Breidenbach-Siegel ein Beispiel: Der Tag im Büro war anstrengend, drei Kölsch - vielleicht mehr - zu Hause sind die Kinder laut. Die Gewaltbereitschaft steigt. Nun ist das Essen nicht warm genug. Die Situation eskaliert. Der Mann ist nicht mehr in der Lage, zu reflektieren und schlägt zu.

Diese Kette der Gewaltentwicklung zerlegt Breidenbach-Siegel in einzelne Glieder und zeigt dem Ratsuchenden die Ausstiegsmöglichkeiten auf. Diese müssten erkannt und einstudiert werden. Zudem müssten die Männer bereit sein, das hinter der Gewalt stehende Männerbild zu hinterfragen. Sie müssten in den Sitzungen lernen, eigene Bedürfnisse zu verbalisieren, Ängste zu artikulieren, vermeintliche Schwächen einzuräumen. Zumeist werde dort geschlagen, wo die Angst vor dem Verlust überhand nehme, weiß der Therapeut. Dies vermutet er auch in dem Fall des 66-jährigen Rentners, der nach eigenen Angaben kürzlich seine 57-jährige Lebensgefährtin in Wesseling erwürgt hat, weil sie ihn verlassen wollte.

Ob die Zahl der häuslichen Gewalttaten zugenommen hat, mag Breidenbach-Siegel nicht zu beurteilen. Seines Erachtens sind die Frauen dank des Gewaltschutzgesetzes inzwischen eher bereit, sich gegen die Gewalt der Männer zur Wehr zu setzen und bei der Polizei zu melden.

Und nur wenn sie, die Frauen, darauf bestehen oder aber Gerichte es zur Auflage machen, dass Männer vor ihrer Rückkehr in die häuslichen vier Wände ein soziales Trainingsprogramm absolvieren, kommen sie zu Dekathlon, nach Angaben des Pädagogen die einzige Männerberatungsstelle im Rhein-Erft-Kreis. „Freiwillig kommen sie nicht.“

Und obwohl Breidenbach-Siegel weiß, dass etwa die Hälfte der Männer, mit denen er gearbeitet hat, wieder rückfällig werden, hegt er weiterhin die Hoffnung, durch die Arbeit mit Tätern vermeintliche Opfer zu schützen.


Copyright 2007 Kölner Stadt-Anzeiger. Alle Rechte vorbehalten.