Gewalt entsteht aus Angstgefühl
ERFTKREIS. 205 Hausverbote für schlagende Männer hat die Polizei im Erftkreis im vergangenen Jahr verhängt. Die meisten Täter kehren nach zehn Tagen jedoch in die Wohnung zurück, und sehr oft beginnt der Kreislauf der Gewalt von vorn. Diese Erfahrung haben Rainer Breidenbach-Siegel und Michael Dum gemacht. Sie beschäftigen sich seit langem mit dem Thema Gewalt und versuchen in ihrer Männerberatungsstelle „Dekathlon“, den Ursachen für die Eskalation beim Streit auf den Grund zu gehen. Doch die Gespräche mit einzelnen Einsichtigen, die um Hilfe bitten, sind in den Augen der beiden Sozialpädagogen zu wenig. Sie haben ein Programm für Täter entwickelt und wollen durchsetzen, dass Schläger gerichtlich zur Teilnahme gezwungen werden.

„Das Täterprogramm tut weh“, sagt Breidenbach-Siegel. „Die Männer werden mit der Tatsache konfrontiert, dass sie unter Angstgefühlen leiden und deshalb über Gewalt Macht ausüben wollen.“ Um das Problem zu analysieren, werde die Phase vor dem Schlag in winzige Sequenzen unterteilt. „Wir wollen klar machen, wie sich Stress aufbaut“, erklärt Dum. Männer seien oft nicht in der Lage, ihre Gefühle differenziert zu bewerten. „Morgens ist die Bahn überfüllt, im Büro gibt es Ärger mit dem Chef und zurück bleibt nur ein dumpfes Unwohlsein“, so Dum. Wenn dann abends die Kinder noch nicht im Bett sind und das vierte Bier geleert ist, reiche ein kleiner Streit, und die Situation eskaliert. „Wer sich seine Gefühle bewusst macht, kann die Kette durchbrechen“, sagt Dum. Helfen sollen auch Entspannungsübungen, um den Stress bewältigen.

„Leider gilt Gewalt im häuslichen Bereich oft immer noch als Kavaliersdelikt“, so Breidenbach-Siegel. „Das Unrechtsbewusstsein bildet sich nur langsam.“ Das Gewaltschutzgesetz sei ein wichtiger Schritt, müsse aber weitreichendere Folgen haben. „Die Männer müssen gezwungen werden, sich mit ihrem Problem auseinanderzusetzen“, fordert Dum. Die Gerichte müssten ein Täterprogramm unter Strafandrohung anordnen. Ähnliche Projekte in anderen Ländern hätten eine Erfolgsquote von 40 Prozent.

Die Sozialpädagogen stehen mit dem Opferschutzbeauftragten der Erftkreis-Polizei und der Staatsanwaltschaft Köln in Kontakt. Sie wollen die Juristen von ihrer Initiative überzeugen. „Außerdem wollen wir versuchen, über diejenigen Druck zu machen, die Opferinteressen vertreten: Jugendämter, Kinderschutzbund und Frauenverbände unterstützen uns.“


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