Titel:

Wer tröstet den Vater? –  Zur Beratung von Vätern behinderter Kinder

 

Einführung

Ein Blick in  die gängige Fachliteratur zeigt, dass allgemein ein hoher Beratungs- und Unterstützungsbedarf von Eltern eines behinderten Kindes festgestellt wird ( u.a. KOST 2003, WEISS 2003) und das aber gleichzeitig oft entsprechende Angebote zu unterschiedlichen Themenbereichen fehlen. KOST weist dabei auf die Problematik hin, dass die Angehörigen-perspektive bei Fachleuten aus der Beratung fehlt. „ ‚Normale’ Erziehungsberatungsstellen fühlen sich für die Belange von Eltern behinderter Kinder nicht zuständig, ‚normale’ Eheberatungsstellen können ohne Kenntnis der spezifischen Problematik nicht adäquat helfen.“ (KOST 2003, S.2). Die Bedeutung solcher Angebote erläutert SEIFERT (2001) in Anlehnung an WILKEN  (2000) im Zusammenhang mit Empowerment-Prozessen (sog. Selbstbemächtigung). Dabei geht es um das „Auffinden und Nutzen eigener Ressourcen (materieller, kognitiver, sozialer oder psychologischer Art)“ (SEIFERT 2001, S. 250), was durch professionelle Helfer unterstützt werden kann. „Eltern, die gelernt haben, ihre eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln und durch Selbsthilfe zu Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung gekommen sind, können auch ihre Töchter und Söhne angemessen unterstützen, selbstbewusst ihre Lebensgestaltung den individuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend mitzubestimmen.“ (WILKEN 2000, zit. nach SEIFERT 2001, S. 251).  Ungleich schwieriger wird es, wenn es um die Beratung von Vätern im Speziellen geht.

 

Unsere Idee

Seit 2001 führen wir in Brühl/ Rheinland eine Männerberatungsstelle mit verschiedenen Themenschwerpunkten. Durch seine eigene Erfahrung als sozialer Vater eines geistig behinderten Kindes wurde einer der Autoren in diesem Zusammenhang auf die besondere Situation von diesen Vätern  aufmerksam. Dies veranlasste ihn dazu, ein entsprechendes Beratungsangebot nur für Väter anzubieten. Es war uns wichtig, dass unser Angebot möglichst niedrigschwellig aufgebaut ist. Daher ist die erste Möglichkeit mit uns in Kontakt zu treten der relativ anonyme Weg per E-Mail. Nach Wunsch sind dann Kontakte per Telefon oder Besuche in unserer Beratungsstelle möglich.

Die Resonanz ist ernüchternd! Während andere Männerthemen (z.B. Trennungs- Scheidungsberatung, Anti-Gewaltberatung) sehr wohl angenommen werden, nahm dieses Angebot bisher niemand an! Worin könnten die Gründe dafür liegen? Brauchen Väter mit einem behinderten Kind vielleicht doch keine „besondere“ Beratung?  Dazu sollte man wissen, dass die psychosoziale Beratungspraxis in Deutschland zu ungefähr 80 Prozent von Frauen aufgesucht wird. Hinzu kommen circa 15 Prozent Paarberatungen, so dass Männer nur circa fünf Prozent der Klienten ausmachen (vgl. LEMPERT/ OELEMANN 1998). So erwähnt HINZE  zum Beispiel, dass einige der Teilnehmer seines Workshops für Väter eines behinderten Kindes, nicht aus Eigeninitiative kamen, sondern von ihren Ehefrauen geschickt wurden. Andererseits berichtet er, dass einige der Teilnehmer sein Angebot aus dem Grund annahmen, da es nur für Väter war. Dies ermöglichte einen Austausch unter Gleichen (vgl. HINZE 2002, S.1).

Somit fühlen wir uns bestätigt, dass ein Bedarf besteht. Auch wir wissen aus Erfahrung, dass Männer sich untereinander leichter öffnen können. Ein Problem scheint aber zu sein, dass eine große Hemmschwelle beim Eingeständnis der Beratungsbedürftigkeit und der Annahme von Beratungsangeboten bei Männern überhaupt besteht. Hinzu kommt, dass sich Männer in der Regel im Alltag in einem Gegeneinander und nicht in einem Miteinander definieren und von daher zum Beispiel Gruppenangebote nur von den Männern angenommen werden, die sich schon aktiv mit ihrem Mann-sein auseinandergesetzt haben.

Mittelfristig planen wir trotz aller Anlaufschwierigkeiten den Aufbau eines „Väter-Gesprächskreises“, sowohl in Form eines Forums auf unserer Internetseite, als auch in unseren Praxisräumen.

Analog zu unserer sonstigen Beratungstätigkeit mit Männern stellen wir folgende provokative These in den Raum: Männliche Identität definiert sich im hundertprozentig sein und zwar in allen Lebenslagen. Schon ein paar Prozent weniger und ein Mann fühlt sich nicht mehr als Mann,  sondern als Versager. Zuzugeben, dass Mann Probleme mit der Vaterrolle eines behinderten Kindes hat, hieße, seine eigene männliche Identität in Frage zu stellen, schließlich sind sie das „starke“ Geschlecht. Das behinderte Kind kann nicht geleugnet werden, aber im Rahmen dessen ist alles hundertprozentig in Ordnung.  Als Männer in der Sozialisation auf Erfolg und Leistung gedrillt, passen zum Ideal der Stärke Grenzen und Behinderung nicht, sind im Gegenteil sogar eine Schande. „Ein Kind gezeugt zu haben, das so gar nicht in die eigenen Wertmaßstäbe passe, ein solches Kind verunsichere deshalb den Vater zutiefst in seinem Selbstwertgefühl.“ (vgl. BORTER, zit. nach CESCHI, 2002 S. 1) 

 

Zur Problematik des Vater-seins eines behinderten Kindes

Das erste schwierige Situation der Männer zeigt sich in folgender Erzählung eines Vaters:

„Nachdem uns die Behinderung unseres Sohnes mitgeteilt worden war, wurde fast ausschließlich meiner Frau Trost gespendet. Für mich entstand Leere. In der ersten Zeit konnte ich abends nur mit Radio und Kopfhörer einschlafen. Außer mit meiner Frau konnte ich mit niemanden über das reden, was mich bewegte. Man hatte mich in diesem Zusammenhang gar nicht für tröstungsbedürftig gehalten, da ja traditionell die Kindererziehung in den Händen der Mutter liegt, das heißt, die besondere Situation von ihr allein verkraftet werden muss.“

(WAGNER-HIRTE 1994, S. 202 zit. nach ECKERT 2002, S.42)

Die Diagnoseeröffnung wird oftmals als Schock für beide Eltern beschrieben. Es ist die Rede von Krisenerlebnissen und Trauerprozessen z.B. Trauermodell nach JONAS 1990, welches sich vornehmlich auf Mütter bezieht, jedoch auch auf Väter angewendet werden kann. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Phasenmodelle muss an dieser Stelle, obwohl wichtig, unterbleiben. Die Rolle der Mutter, ihre Gefühle, Ängste, ihre Verarbeitungsprozesse und Bedürfnisse  werden in der Fachliteratur häufiger thematisiert und untersucht (vgl. z.B. SEIFERT 1997, HINSE & TRILK 1999/2000, WOLF-STIEGEMEYER 2001. Zur Rolle der Väter heißt es in der Fachliteratur dagegen übereinstimmend, dass diese lange Zeit vernachlässigt wurde (vgl. hierzu u.a. CLOERKES 2001, ECKERT 2002, KLAUSS 1993, 1999). Die Emotionen der Väter wurden scheinbar ignoriert.

„Sie rangieren eher unter „Randfiguren“, deren psychosoziale Situation weniger interessiert. Sie geraten bisweilen sogar in die Rolle des Buhmanns, der die Mutter  bei der Bewältigung des Alltags kaum unterstützt und sich aus der Verantwortung stiehlt, bis hin zur Trennung von der Familie [...]“ (SEIFERT 1997, S. 241)

Auch wenn  KALLENBACH einen Wandel der Vaterrolle allgemein festgestellt haben will (vgl. KALLENBACH 2003, zur Kritik dieser Sichtweise vgl. ECKERT 2002, S.42),  zeigen die wohl bisher einzigen umfangreichen Untersuchungen von  KALLENBACH (1992) und HINZE (1992), dass Väter sich mit der Bewältigung der Behinderung ihres Kindes schwer tun. Hierzu tragen geschlechts- und rollenspezifische Faktoren maßgeblich bei (vgl. HINZE in KLAUSS 1999, S. 91). Ob es generell Vätern oder Müttern „leichter“ fällt, die Behinderung ihres Kindes zu verarbeiten, muss mangels vorliegender Untersuchungen Spekulation bleiben. Allerdings stellt KLAUS (1993) in einer Befragung fest, dass Väter im Zusammenhang mit der Behinderung andere Ziele als wichtig erachten als Mütter. Auch wir konnten in Einzelgesprächen mit Vätern im Rahmen eines Elterngesprächskreises feststellen, dass es Vätern oftmals um pragmatische Dinge wie den z.B. Aufbau eines Wohnangebots, dem Suchen nach geeigneten Therapieangeboten u.ä. geht.

Welche Schwierigkeiten sich für den Mann grundsätzlich aus der Geburt eines Kindes mit Behinderung ergeben können, formuliert HINZE u.a. mit folgenden Thesen:

  1. Das Selbstbild des Vaters als Mann ist gefährdet
  2. Seine Erwerbsarbeit erschwert dem Vater die Auseinandersetzung mit der Behinderung
  3. Die Geschlechterrolle verlangt Sachlichkeit und Selbstkontrolle
  4. Der Vater meidet das Gespräch und hält seine Gefühle zurück, neigt zu einer rationaleren Bewältigung der Behinderung
  5. Ihre Selbstbeherrschtheit hindert die Väter an der emotionalen Verarbeitung der Behinderung
  6. Der Vater hat Angst vor sozialer Diskriminierung.
  7. Die Vater-Rolle wird durch die Rollenteilung zwischen Mutter und Vater eingeschränkt
  8. Mütter wie Fachleute sehen die Elternrolle von Vätern als nebensächlich an.

(vgl. HINZE 1992, S.136ff & 2003, S. 2; s. auch CESCHI 2003, )

 

Fazit

In Übereinstimmung mit anderen Fachleuten stellen wir fest, dass auch für die Väter mit der Geburt eines behinderten Kindes vielfältige Probleme auftauchen können. Der Wunsch der Väter nach Gesprächsmöglichkeiten scheint ebenfalls gegeben. Wichtig ist auf jeden Fall, dass Angebote für Männer niedrigschwellig angelegt sein müssen, um die Annahme von Hilfeangeboten zu erleichtern.

In Übereinstimmung mit ECKERT 2002 sehen wir die Position KALLENBACHs zur „neuen Väterlichkeit“ kritisch.  Es mag sein, dass es sie gibt und diese sich als engagierte Väter auch öffentlich mit ihrer Rolle und ihren Problemen auseinandersetzen. Letztlich gibt es aber nicht den Vater behinderter Kinder. Es findet sich unter anderem der engagierte  wie der sich zurückziehende oder gar zurückgedrängte Vater, jeweils mit seinen spezifischen Problemen.  Zudem wissen wir aus unserer Beratungstätigkeit, dass viele Männer bzw. Väter mit der Ambivalenz einer sogenannten „neuen Männlichkeit“ kämpfen. Wobei wir hierzu anmerken möchten, dass es unserer Meinung nach die „neue Männlichkeit“ als solche nicht gibt, sondern eher das Problem sich überschneidender Rollenerwartungen an den Mann. In der Beratungsarbeit mit Männern stellen wir verschiedenen Männertypen (Der Unsichere, Der Traditionelle, Der Pragmatiker, Der Neue) fest. Zum Teil ergeben sich zudem noch Mischbilder. In diesem Zusammenhang möchten wir auf die Untersuchung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Werteforschung in Wien hinweisen, welches sich explizit mit diesem Thema beschäftigt hat (vgl. OEHMIGEN 2000).

Die Geburt eines behinderten Kindes „verändert den Alltag seiner Familie radikal“ (SEIFERT 1997, S.237) und führt zu weiteren Herausforderungen. Daher steht für das gesamte Familiensystem eine Reihe von Bewältigungsaufgaben und Anpassungsleistungen an. So ist ein weiterer Beratungsaspekt die Partnerschaft. „Die Scheidungsrate von Paaren mit einem behinderten Kind ist klar höher als bei anderen (vgl. BEUYS nach CESCHI 2003, S.1) Einschränkend weist SEIFERT (1997) darauf hin, dass zwar sichtlich viele Ehen mit einem behinderten Kind zerbrechen, diese Partnerschaften aber wahrscheinlich schon vorher nicht mehr ganz intakt waren und die Geburt eines behinderten Kindes somit nur den letzten Anstoß für die Trennung gab. Andere Beziehungen werden dagegen in Krisenzeiten fester, denn gemeinsam lässt sich die Behinderung des Kindes besser ertragen. (vgl. SEIFERT 1997, S. 241)

Weiterhin sind wir der Meinung, dass der Berater für eine sinnvolle Beratung um die vielfältigen Erschwernisse von Familien mit einem behinderten Kind wissen sollte (hierzu gehören z.B. auch fundierte Fachkenntnisse der Sozialgesetzgebung, mit dem entsprechenden „Verweisungswissen“).

Abschließend bleibt festzustellen, dass wie so oft auch die Frage der Kostenübernahme den Erfolg unseres Angebots entscheidend mit beeinflusst. Das beste Angebot  wird ungenutzt bleiben, wenn Kostenträger den Bedarf nicht sehen und eine Kostenübernahme somit verweigern. Dies gilt im besonderen Maße für sozial schwache Familien bzw. Väter.

 

Das Autorenteam: Jörg Strigl (Sonderpädagoge 1. Staatsexamen & angehender Diplom-Heilpädagoge; derzeit tätig als Erzieher in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderung) und Rainer Breidenbach-Siegel (Diplom-Sozialpädagoge, NLP-Master & Leiter der Männerberatungsstelle Dekathlon)

Kontakt: www.Dekathlon.de

 

Literatur

CESCHI, Silvana: Rollenbilder: Ein behindertes Kind wirft viele Väter aus der Bahn.

http://www.ricardas-homepage.de/Dorothee/Eltern/Vaeter/artikel2.htm#Vaeter [28.08.2003]

CLOERKES, G.: Soziologie der Behinderten: Eine Einführung.. 2. neu bearb. und erw. Auflage, Heidelberg 2001

ECKERT, Andreas: Eltern behinderter Kinder und Fachleute. Erfahrungen, Bedürfnisse und Chancen. Rieden 2002.

HINZE; Dieter: Väter behinderter Kinder. Ihre besonderen Schwierigkeiten und Chancen. In: Geistige Behinderung 31 (1992) 3, S. 135- 142.

Ders.: Väter behinderter Kinder – Ihre besonderen Schwierigkeiten und Chancen in der Familie.

http://www.ricardas-homepage.de/Dorothee/Eltern/Vaeter/artikel3.htm  [28.08.2003].

JONAS, Monika: Trauer und Autonomie bei Müttern schwertsbehinderter Kinder. Mainz 1990.

KALLENBACH, K.: Vater eines behinderten Kindes.

http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Behinderung/s_414.html  [28.08.2003]

KLAUSS, T.: Trennung auf Zeit: Die Bedeutung eines Kurzzeitheimes und anderer Institutionen für Familien mit geistig behinderten Kindern. Heidelberg 1993.

Ders.: Ein besonderes Leben: Was Eltern und Pädagogen mit geistiger Behinderung wissen sollten. Heidelberg 1999.

KOST, Gabi: Elternberatungsbedarf im Lebenslauf des Kindes.

http://www.ricardas-homepage.de/Dorothee/Fachleute/2/artikel14htm [28.08.2003]

LEMPERT; Joachim/ OELEMANN, Burkhard: „... dann habe ich zugeschlagen“. Gewalt gegen Frauen. Auswege aus einem fatalen Kreislauf.  München 1998.

OEHMIGEN, K.: Sieger-Typ. Von wegen verunsichert: Der neue Mann will den Geschlechterstreit für sich gewinnen. In: Sonntags Zeitung vom 12.03.2000,

http://www.sonntagszeitung.ch/sz10/s101-7581.htm   [05.06.2003]

SEIFERT, Monika: Zur Rolle der Familie im Kontext von Autonomie und Abhängigkeit geistig behinderter Menschen. In: Geistige Behinderung  40 (2001) 3, S. 247 – 260.

Dies.: Was bedeutet ein geistig behindertes Kind für die Familie? In: Geistige Behinderung 36 (1997) 3, S. 237 – 250.

WEISS, Hans: Spannungsfelder zwischen Eltern, Fachleuten und Selbsthilfe. Erschienen in der Dokumentation der Jubiläumstagung 10 Jahre Kindernetzwerk Berlin.

http://www.ricardas-homepage/Dorothee/Fachleute/2/artikel17.htm  [28.08.2003]